2021: Wendepunkt für Europas Bahnindustrie?

Der europäische Schienenverkehr nutzt sein enormes Potenzial, zur Entkarbonisierung und zu einer sozial integrativen Mobilität beizutragen, bislang nur ansatzweise. Das könnte sich nun ändern. Digitale Technologien – beispielsweise für intelligente Prognosen – halten in immer mehr Bereichen Einzug, von der Signaltechnik über die Wartung bis hin zum Transport. Markiert 2021 einen Wendepunkt in der Branche?

Das Jahr 2021 ist für die europäische Bahnindustrie ein entscheidendes: Mit dem 4. Eisenbahnpaket ist schon vor zwölf Monaten ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum einheitlichen europäischen Eisenbahnraum gelungen, dem sogenannten Binnenmarkt für Bahndienstleistungen. Die EU-Kommission hat 2021 außerdem zum „Europäisches Jahr der Schiene“ erklärt. Das Gremium möchte das Jahr nutzen, um die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Vorteile der Industrie sowie ihre Rolle bei der Unterstützung einer nachhaltigen Mobilität herauszustellen.

Weichenstellung auf Umweltschutz

Die Umweltbilanz im Schienenverkehr ist beeindruckend: Im Vergleich zum Transport mit dem Auto oder Flugzeug lässt sich durch die Benutzung von Eisenbahnen fast 90 Prozent an Energie sparen. Auch der Ausstoß von Kohlendioxid ist im Schienenverkehr deutlich geringer – die Branche ist die einzige im Verkehrssektor, die ihre Treibhausgasemissionen seit den 1990er Jahren von Jahr zu Jahr reduzieren konnte. Und nicht nur das: Auch andere Formen der Umweltbelastung, zum Beispiel Lärm und Staus, treten in dem Sektor kaum auf. Darüber hinaus bietet Bahnfahren Mehrwert durch seine sozial integrative Mobilität, und die mit Unfällen verbundenen gesellschaftlichen Kosten sind im Vergleich zum Straßenverkehr deutlich niedriger.

Doch trotz dieser Vorteile macht der Bahnverkehr nur acht Prozent des weltweiten Personen- und Güterverkehrs aus. In Europa ist der Marktanteil der Schiene am EU-Güterverkehr sogar von über 18 Prozent auf unter 17 Prozent gesunken. Die Schaffung eines harmonisierten europäischen Schienennetzes, bei dem jeder Betreiber ohne technische, rechtliche oder betriebliche Einschränkungen überall seine Züge einsetzen kann, scheint noch weit entfernt. Was hält den Schienenverkehr zurück?

Herausforderung voraus

Der Gegenwind, mit dem die Branche konfrontiert wird, ist unbestreitbar. Unter anderem hat die Umgestaltung der globalen Lieferketten und die Geschäftspraktiken innerhalb der Logistikbranche den Druck für den Eisenbahnverkehr enorm erhöht. Auch das Fahrverhalten hat sich mit der Zeit stark verändert, was auch am Aufkommen von Auto-Abonnements und Firmen wie Uber liegt. Heutzutage müssen Verbraucher nicht mal mehr ein eigenes Auto besitzen, um flexibel und kostengünstig reisen zu können.

Eine Analyse der Boston Consulting Group (BCG) zeigt: Dass der Schienenverkehr seine Versprechen nicht einlösen kann, liegt hauptsächlich an der schleppenden Herangehensweise an die Digitalisierung. Im Gegensatz zu LKW-Herstellern und der Autoindustrie sträubt sich die Eisenbahnbranche schon lange gegen die Diskussion über autonomes Fahren. Doch setzt sich die Bahn nicht bald mit diesem Thema auseinander, könnte das den Schienenverkehrsmarkt die Wettbewerbsfähigkeit kosten. Denn die BCG prognostiziert, dass fahrerlose Fahrzeuge die Betriebskosten im Güterverkehr um bis zu 50 Prozent senken werden.

Ein Zeichen der Zukunft

In letzter Zeit gibt es jedoch Anzeichen für den Wandel: Denn die europäische Bahnindustrie führte in letzter Zeit eine Reihe digitaler Technologien ein, die Güter- wie Personenverkehr deutlich vereinfachen werden. Die BÄR Bahnsicherung und die Deutsche Bahn AG heben sich besonders hervor: Die Unternehmen leisten Pionierarbeit bei der Entwicklung erster digitaler Stellwerke in Europa. Das sind Signalanlagen, die Kollisionen verhindern, indem sie die Bahnbewegungen an Kreuzungen oder Abzweigungen koordinieren.

Netzwerktechnik ist bei dieser neu digitalisierten Signalarchitektur dafür zuständig, die Schaltbefehle des Fahrdienstleiters an die Weichen, Signale und Streckenkontakte zu übertragen. Jetzt lassen sich Signale und Weichen über wesentlich größere Entfernungen steuern – das ermöglicht mehr Flexibilität in der Planung, Pünktlichkeit und effizienter Ressourcenverteilung. Einige Analysten gehen sogar davon aus, dass dieser Wandel zu einem Kapazitätsanstieg von bis zu 35 Prozent führen könnte.

Unternehmen wie HIMA nutzen das Internet der Dinge schon lange, um Bahnunternehmen zu unterstützen: Unter anderem bietet die Firma Systeme zur Fernüberwachung, Echtzeitdiagnose von Zügen und Preventive Maintenance an. Sensoren werden an kritischen Zug- oder Infrastrukturkomponenten angebracht und übermitteln laufend Daten, anhand derer sich drohende Defekte oder Ausfälle erkennen lassen. Mithilfe dieser Technologie können Betreiber ihre Flottenreserven reduzieren und die Einsatzplanung optimieren, während sie gleichzeitig die Zuverlässigkeit erhöhen und Betriebsunterbrechungen ausschließen.

Selbst beim Thema autonome Züge zeigt sich Fortschritt: Im Oktober 2021, beim World Congress on Intelligent Transport Systems in Hamburg, sollen die ersten automatisierten Züge im deutschen Schwertransport den regulären Fahrgastbetrieb aufnehmen. Diese Entwicklung könnte ein bedeutender Wettbewerbsvorteil für die Eisenbahnindustrie darstellen. Denn die Einführung selbst fahrender Züge ebnet den Weg für die Entwicklung optimaler Geschwindigkeitsprofile und die Planung wesentlich kürzerer Zugabstände (örtlich wie zeitlich).

Mit Blick auf das Jahr 2021, dem „Europäischen Jahr der Schiene“, scheint die Zukunft des Schienenverkehrs auf dem Kontinent vielversprechend – im Hinblick auf Zuverlässigkeit, Nachhaltigkeit und Sicherheit. Wir werden sehen, wohin die Reise geht.