Auf dem Weg zum digitalen Ölfeld

Lange Zeit galt der Kohlenwasserstoffsektor als Nachzügler der digitalen Revolution. Doch ein Wandel ist in Sicht: Während die Ölpreise immer weiter sinken und sich derzeit bei um 50 Euro pro Barrel einpendeln, bemühen sich Energiekonzerne darum, rentabel zu bleiben.

Die Öl- und Gasbranche hat sich bisher eher sporadisch um Digitalisierung bemüht. Ironischerweise, denn eigentlich ist der Sektor bekannt für seine technische Expertise. Innovation beschränkte sich historisch gesehen vor allem auf unterirdische Projekte und auf die Weiterentwicklung von Förderköpfen.

Vereinzelte Lösungen

Auch ein Bericht von Deloitte aus 2019 bestätigt das: Die Öl- und Gasindustrie erzielte bei der Bewertung ihres digitalen Reifegrades weniger als fünf von zehn Punkten – ein sehr niedriges Ergebnis, bedenkt man die Größe und strategische Bedeutung dieser anlagenintensiven Branche. Bisher konzentrierten sich Digitalisierungsprojekte des Kohlenwasserstoffsektors eher auf Lösungen, die zur Entdeckung und Förderung beitragen. Die ganzheitliche Digitalisierung von Prozessen und Geschäftsabläufen entlang der gesamten Lieferkette geriet dabei eher in den Hintergrund.

Doch dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen sind die Anlagen der Branche in der Regel sehr weit verstreut und befinden sich meist in unwirtlichen Umgebungen. Der Zugang zu Daten ist hier eher schwierig und oft fehlt die erforderliche Infrastruktur. Hinzu kommt, dass die Anlagen in den meisten Fällen von alten Systemen abhängig sind und auf hardwareintensiven Betriebsmodellen beruhen. Klar ist: Im Öl- und Gassektor herrschen gänzlich andere Voraussetzungen als in kontrollierten, begrenzten Ökosystemen wie Lagerhäusern und Fabrikhallen. Deswegen ist die Implementierung digitaler Lösungen hier nicht ganz so einfach.

Eine mögliche Erklärung ist, dass die Technologie bis jetzt einfach noch nicht robust genug war. Denn um aussagekräftige Daten zu sammeln, braucht die Öl- und Gasindustrie große Mengen an Informationen. Das klassische Internet hätte diese Masse an Daten bisher nicht bewältigen können. Erst mit dem Beginn des Industrial IoT ist eine solche Lösung in greifbare Nähe gerückt.

Dazu beigetragen hat auch, dass der massenhafte Einsatz von Sensoren immer erschwinglicher wurde die Speicherung und Verarbeitung von Daten inzwischen ebenfalls erheblich günstiger ist als noch vor wenigen Jahren. Da die Branche die Ölpreise mittlerweile nicht mehr so frei steuern kann wie zuvor und nun sparen muss, war diese Entwicklung besonders wichtig. Denn die sehr hohen, aber dennoch erforderlichen Vorabinvestitionen ließen sich bislang schwer rechtfertigen.

Wandel der Zeiten

Doch die zunehmende Volatilität der Ölpreise und der Druck auf die Einnahmen führt jetzt dazu, dass die Ölfirmen nach Möglichkeiten suchen, ihre Kosten effizienter zu gestalten. Dieser Trend trägt auch dazu bei, die Digitalisierung in der Öl- und Gasbranche zu beschleunigen. Der gesamte Sektor kämpft um die Schaffung nachhaltiger Werte und sieht sich mit Nachfrage und regulatorischem Gegenwind konfrontiert. Gerade im Licht der Pandemie wächst der Bedarf an strukturellen Veränderungen immer mehr, und der Wunsch nach Transparenz in Kosten und Produktion verfestigt sich. Auch die Frage nach einem integrierten Anbieter-Betreiber-Ökosystem zur Steigerung der Rendite gewinnt immer mehr an Bedeutung.

Deshalb ist es kaum überraschend, dass der digitale Ölfeldmarkt bis 2025 global voraussichtlich satte 28,5 Milliarden US-Dollar umsetzen wird. Auch Öl-Giganten und -Kleinfirmen investieren in letzter Zeit immer mehr in diesen Bereich. Shell zum Beispiel fokussiert sich immer mehr darauf, alle Industriemaschinen mit Software und Sensoren auszustatten. Somit sind die Maschinen drahtlos miteinander verbunden, liefern Live-Datenströme und reagieren auf digitale Befehle. ENI hingegen setzt nun fortschrittliche Algorithmen ein, um die Produktionsraten zu erhöhen. Und das norwegische Unternehmen Equinor experimentiert mit digital bedienbaren „ghost rigs“ – unbesetzte Ölplattformen im Meer.

Gerade der Einsatz von KI und Predictive Maintenance wird immer populärer. Denn mithilfe dieser Technologien lassen sich nicht nur Ausfallzeiten erheblich reduzieren, sondern auch ineffiziente Ressourcenzuweisungen korrigieren und Sicherheitsbedenken mindern. Da HIMA neun der zehn weltweit größten Öl- und Gasunternehmen mit intelligenten Sicherheitslösungen ausstattet, macht sich diese Entwicklung auch hier bemerkbar: Die Nachfrage nach digitalen Systemen, die gleichzeitig Sicherheit garantieren und eine hohe Produktionskontinuität gewährleisten, wächst kontinuierlich.

Mit Lösungen der Smart Safety Platform können Energieunternehmen zum Beispiel Prozesse auf der Basis mathematischer Modellierung dynamisch steuern, Anlagen deutlich näher an der Leistungsschwelle betreiben und dabei zu jeder Zeit Sicherheit gewährleisten. Und das in Zeiten stetig zunehmender Cyberattacken.

Den Mutigen gehört die Welt

Wagen Unternehmen den Schritt in Richtung Digitalisierung, ist der Lohn enorm. Laut IHS Cera könnten diejenigen, die digitale Ölfelder installieren, innerhalb des ersten Jahres nach der Installation bis zu 25 Prozent der Betriebskosten einsparen und bis zu 8 Prozent höhere Förderraten erzielen.

Fest steht: Die wahren Gewinner der Öl- und Gasindustrie von morgen werden die Firmen sein, die den Mut haben, ihre Prozesse mit digitalen Technologien zu verbinden. Denn so maximieren sie ihre Produktivität, während sie gleichzeitig Risiken minimieren.