Erdgasförderung: Überholt Australien bald Katar?

Seit vielen Jahren liefern sich die Energielieferanten Shell und INPEX ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Beide haben milliardenschwere Anlagen zur Erdgasförderung entwickelt, beide Anlagen werden fast zeitgleich in Betrieb genommen. Ein Gewinner steht schon fest: Australien.

Die „Prelude“: 75 Meter breit, knapp 500 Meter lang. Die Halbtaucherbohrplattform ist das größte schwimmende Bauwerk der Welt und gleichzeitig das erste, umgesetzte FLNG-Projekt (Floating Liquefied Natural Gas). In diesen Wochen wird die vom Energieunternehmen Royal Dutch Shell in Auftrag gegebene Anlage vor der Küste Australiens hochgefahren und soll dann bis zu 3,6 Millionen Tonnen Erdgas pro Jahr fördern. Aber nicht nur das: Shell kühlt das Erdgas direkt auf der „Prelude“ auf minus 162 Grad Celsius herunter, dadurch wird es flüssig, verliert an Volumen und ist leichter zu transportieren. Pumpen, die 50 Millionen Liter Wasser pro Stunde ansaugen, sorgen dafür, dass das Erdgas seine Temperatur hält. Diese Technologie gab es bislang noch nicht bei der Erdgasförderung.

Der Konkurrent INPEX, der größte Öl- und Gasproduzent Japans, hat gleich mehrere Bohrplattformen im Ichthys-Feld rund um das australische Browse Basin. Das Ichthys-Feld liegt etwa 220 Kilometer vor der Küste Westaustraliens und ist die größte Entdeckung von Kohlenwasserstoff in Australien seit 40 Jahren – über 340 Milliarden Kubikmeter Gas werden im Ichthys-Feld vermutet.

Das Besondere der INPEX-Anlage: Das Erdgas wird aus Unterwasserbohrungen zunächst auf einer großen, schwimmenden Aufbereitungsanlage vorverarbeitet. Kondensat und Wasser werden abgesaugt, Verunreinigungen sofort entfernt. Das verbessert den Transport durch die 890 Kilometer lange Pipeline nach Darwin, wo das Erdgas aus der Pipeline gekühlt und in Flüssigkeit umgewandelt wird. Neben der Aufbereitungsanlage verfügt INPEX noch über riesige, schwimmende Lagertanker und Entladungsvorrichtungen. Dieses Jahr nimmt INPEX außerdem sein Flaggschiff, den 340 Meter langen Ichthys Explorer, in Betrieb, ausgestattet mit umfangreicher HIMA-Sicherheitstechnik. Die Gesamtprojektkosten belaufen sich auf rund 24 Milliarden US-Dollar.

Wer gewinnt den Kampf der Giganten?

Shell und INPEX: Beide milliardenschwere Großanlagen werden dieses Jahr vollständig in Betrieb genommen und sollen vor allem die wachsende Nachfrage in China befriedigen, das aus Umweltschutzgründen immer mehr Kohlekraftwerke schließt. Und auch der weltweite Energieverbrauch steigt immer weiter an, sodass die Nachfrage ohne neue Erdgasquellen kaum gedeckt werden kann. Diese Lücken wollen die beiden Energiekonzerne schließen und möglichst viele Marktanteile erreichen.

Zwar ist die „Prelude“ das größere Schiff, dennoch könnte am Ende INPEX die Nase vorn haben: So zukunftsweisend die Offshore-Kühlung von Shell auch ist, Experten schätzen die kleinteilige Infrastruktur von INPEX als weniger fehleranfällig und damit ausfallsicherer ein. Der logistische Vorteil von Shell könnte am Ende also doch kleiner sein als erwartet.

Auch bei der Fördermenge ist INPEX im Vorteil: Die INPEX-Anlagen sollen nach derzeitiger Schätzung etwa 8,9 Millionen Tonnen Flüssiggas pro Jahr befördern können, Shell rund 3,6 Millionen. Das klingt nach einem großen Unterschied, doch die jährliche Fördermenge ist nicht allein entscheidend. Da beide aus demselben Gebiet Erdgas gewinnen, hat am Ende auch der die Nase vorn, der schneller ist. Dabei gab es vor zwei Jahren einen Rückschlag für Shell: In der Bauphase zerstörte ein Brand einige Teile der Anlage, die Inbetriebnahme verzögerte sich dadurch. Nun stehen beide Projekte unmittelbar vor der Fertigstellung, noch ist unklar, wer zuerst an den Start geht.

Australien überholt Katar

Eines ist jedenfalls gewiss: Wenn die Erdgasförderung am Browse Basin begonnen hat, könnte Australien bis zum Ende des Jahrzehnts der größte Erdgas-Produzent der Welt sein – noch vor dem bisherigen Spitzenreiter Katar, der immerhin rund 30 Prozent des gesamten Weltmarkts mit flüssigem Erdgas bestritt. Ein Sieger steht also schon mal fest.