Industrielle Sicherheit in China: Das Ende der großen Katastrophe?

Weitere Industrieunfälle verdeutlichen, dass China seine Sicherheitsstrategie überdenken sollte. Ein besonders schwerwiegender Vorfall ereignete sich in der Provinz Jiangsu: Nach einem Fabrikbrand starben 78 Personen. 640 weitere wurden ins Krankenhaus eingeliefert.

Im vergangenen März hatten wir bereits von der oben erwähnten Explosion in einem Pestizid-Werk in der Provinz Jiangsu berichtet. Unter normalen Umständen würden wir das als einen außergewöhnlichen Unfall ansehen. Doch bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass die Arbeitssicherheit der Angestellten von einem substanzielleren Problem bedroht wird. Das betrifft vor allem die Angestellten in der Prozessindustrie. Allein 2018 starben 223 Menschen bei 176 Unfällen.

Wendepunkt

Das erst kürzlich umstrukturierte Ministerium für Notfallmanagement der Volksrepublik China (MEM) wurde damit beauftragt, potenzielle Risiken für Anlagen und Chemieparks zu bewerten – ein immenses Unterfangen. Immerhin gibt es über 670 Chemieparks in China – aktuell sind insgesamt 26.000 Chemieanlagen in Betrieb.

Auf die Explosionen in Tianjin 2015 reagierte das MEM mit einer Reihe von Risikobewertungen. Erste Auswertungen belegen, dass lediglich 30 Prozent der chinesischen Chemieparks gegenwärtig über entsprechende Sicherheitsregulierungen verfügen. Ende 2018 berichteten Beamte, dass 337 nonkonforme und damit sicherheitsgefährdende Chemieunternehmen dauerhaft geschlossen werden sollten. Erwartungsgemäß wird diese Zahl 2019 nochmals steigen, da das MEM und das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) ihre Untersuchungen fortführen werden.

Um ihren Fortbestand zu sichern, müssen sich chinesische Unternehmen mit einer verschärften Regulierungskontrolle und finanziellen Einschränkung durch die Regierung arrangieren. Unternehmen, die das bewerkstelligen, können mit einer Erfolgssteigerung rechnen. Denn gleichzeitig werden mehr und mehr Anlagen dazu gezwungen sein, zu schließen.

Es gibt noch einiges zu tun

Im Juli 2019 ereigneten sich innerhalb einer Woche zwei weitere Unfälle in Gaswerken. Besorgniserregend: Eines der Werke war bis dato bekannt „für seinen herausragenden Beitrag, eine sichere Produktion gefährlicher Chemieerzeugnisse zu standardisieren.”

Offensichtlich sind strengere Vorschriften erforderlich. Das gilt vor allem, wenn China sein Ziel erreichen möchte, bis 2025 eine industrielle und wirtschaftliche Supermacht zu werden. Bis vor Kurzem verfügten Regulierungsbehörden weder über die Expertise noch das chemietechnische Wissen, um Abweichungen von Sicherheitsmaßnahmen überhaupt feststellen zu können. Inzwischen bewerten erfahrene Ingenieure die Anlagensicherheit. Doch die große Zahl an Anlagen erschwert das Standardisierungsvorhaben enorm. Deshalb führen viele Firmen Trainings durch und holen sich Unterstützung von externen Stellen und internationalen Beratern. Außerdem halten sie auch selbst interne Sicherheitsprüfungen ab.

„Viele Anlagenbetreiber führen Sicherheitstrainings durch und holen sich Unterstützung von externen Stellen und internationalen Beratern.”
Peter Sieber,
Vice President China / Norms & Standards bei HIMA

Wohin wird das führen? Richtung Westen?

Trotz unzureichender Sicherheitsvorschriften wächst die Prozessindustrie in China beständig weiter. Allerdings ist die Nachfrage nach intelligenten Sicherheitslösungen in den vergangenen Jahren gestiegen. Veranstaltungen wie die Industriemesse in China (die zwischen dem 17. und 21. September stattfand), steigern die Bekanntheit von Entwicklungen im Bereich des Industriellen Internets der Dinge (IIoT) und Technologien, die zu einer effizienteren und vor allem sichereren Produktion beitragen können. Die Einflussnahme des MEM, des MIIT oder dergleichen hilft China künftig dabei, zur globalen Standardproduktion aufzuschließen. Das ist eines der Hauptziele der Initiative China 2025.

Immer mehr Chemieunternehmen verlagern ihre Produktion in westliche Provinzen. Der Grund dafür sind teilweise die steigenden Kosten für höhere Sicherheitsmaßnahmen. Ein Standortwechsel bringt Vorteile mit sich: Kosten sind regulierbar, Grundstücke erschwinglicher und Gebiete weniger dicht besiedelt. Das Chemieunternehmen Taifeng (ehemals ansässig in Jiangsu) hat beispielsweise seine Fertigungsanlage in die Innere Mongolei verlagert.

Wichtige Veränderungen sind im Gange: Die chinesische Industriesicherheit befindet sich langsam auf dem Weg in eine neue Ära. Doch um erfolgreich für eine sichere Zukunft zu sorgen, müssen sich zunächst alle Akteure mit den neuen Spielregeln vertraut machen.

„Die Einflussnahme des MEM, des MIIT oder gleichwertiger Organisationen wird China dabei helfen, seinen internationalen Rückstand aufzuholen.”
Peter Sieber,
Vice President China / Norms & Standards bei HIMA