Nach Explosion in Chemiewerk: Wie steht es um die industrielle Sicherheit in China?

Es war einer der schwersten Industrieunfälle in China seit Jahren: Vergangene Woche sind bei einer Explosion in einem Pestizid-Werk in Yancheng in der Provinz Jiangsu 78 Menschen ums Leben gekommen. Wie gehen chinesische Unternehmen mit industrieller Sicherheit um – und welche Rolle spielt die Funktionale Sicherheit dabei?

Eine Explosion auf dem Gelände des Pestizidherstellers Jiangsu Tianjiayi hat zum Tod von 78 Menschen geführt. Zunächst ging die Presse von 47 Opfern aus. Einem Augenzeugen zufolge habe ein mit Erdgas beladener Tanklaster Feuer gefangen und die Explosion in einem Benzollager ausgelöst. Die örtliche Polizei nahm den Firmenchef und andere Manager vorläufig fest, die konkreten Vorwürfe blieben zunächst unklar.

Im August 2015 waren bei einer ähnlichen Katastrophe in einem Chemielager in der Metropole Tianjin 173 Menschen getötet worden. Die chinesische Regierung kündigte damals an, die Fabriken des Landes auf Sicherheitsrisiken prüfen zu wollen.

Sicherheitsverständnis unterscheidet sich von dem in Europa

Inzwischen arbeitet China mit Hochdruck daran, die IEC-Norm 61511 für Funktionale Sicherheit in der chinesischen Variante GBT 21109 umzusetzen. Sie soll zur verbindlichen Grundlage für die sicherheitstechnische Auslegung von Prozessanlagen werden. Derzeit laufen Übergangsfristen.

Die Vorgabe allein werde aber nicht reichen, sagt Peter Sieber, Vice President Norms and Standards sowie Vice President China bei der HIMA Paul Hildebrandt GmbH. „Den meisten Anlagenbetreibern in China ist nicht klar, was sich hinter so wichtigen Schlagworten wie Safety Lifecycle Management, Safety Requirements Specification oder dem Management der Funktionalen Sicherheit verbirgt.“

Die gängige Meinung in China lautet: Wer nach IEC 61508 zertifizierte Sicherheitssteuerungen verwendet, ist damit auf der sicheren Seite. Doch das sei ein Trugschluss, so Sieber.

„Man muss sämtliche Aspekte betrachten, die die Funktion einer Sicherheitseinrichtung beeinflussen können.“
Peter Sieber,
Vice President China / Norms & Standards, HIMA

Ein gesamtheitlicher Blick auf alle beeinflussenden Faktoren sei nötig. Das schließt auch Systeme mit ein, die Konsequenzen auftretender Prozessstörungen reduzieren sollen. Betreibt ein Unternehmen also beispielsweise Tanks in unmittelbarer Nähe zu seinen Produktionsanlagen – so wie bei dem Vorfall in China der Fall –, dann seien zusätzliche Fragen zu klären. Kann sich ein Schadensereignis in der Prozessanlage auf den Tank auswirken? Wenn ja, wie? „Hier ist der Betreiber gefordert, die entsprechenden Schutzmaßnahmen zu beschreiben und umzusetzen“, erklärt Sieber. „Ansonsten liegt ein nicht kalkulierbares Betriebsrisiko vor.“