Pipeline-Explosion in Mexiko: Diebstahl ist weltweit alltäglich

Bei einer Pipeline-Explosion sind in Mexiko mehr als 90 Menschen ums Leben gekommen. Das verheerende Unglück ist auf organisierten Benzin-Diebstahl zurückzuführen, wie es ihn in Mexiko täglich Dutzende Male gibt. Allein im vergangenen Jahr verbuchte der staatliche Mineralölkonzern Pemex 2,7 Milliarden US-Dollar Verlust durch Diebstahl. Wie lassen sich die Folgen solcher Pipeline-Schäden mindern?

Am Freitag, dem 19. Januar 2019, sind bei einer Explosion der Tula-Tuxpan-Pipeline 85 Kilometer nördlich von Mexiko-Stadt mehr als 90 Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt worden. Nach Angaben des staatlichen Mineralölkonzerns Pemex hatten Benzin-Diebe die Pipeline illegal angezapft. Warum es schließlich zur Explosion kam, wird derzeit noch untersucht. Fakt ist: Vorfälle wie diese sind in Mexiko an der Tagesordnung. Pemex verzeichnete allein von Januar bis Oktober 2018 mehr als 12.500 Fälle von Benzindiebstahl. Einer alle 30 Minuten.

Die Risikoberater von Etellekt untersuchen die Situation in Mexiko schon seit Jahren. Dem Unternehmen zufolge verliert das Land täglich ca. 60.000 Barrel Treibstoff durch organisierten Diebstahl. Ein bestens vernetztes Benzinkartell hat das Land im Griff, wie unter anderem das Handelsblatt und die FAZ berichten. Nun reagiert die Regierung – zum Unmut der Bevölkerung. Präsident Andrés Manuel López Obrador ordnete an, die Pemex-Pipelines abzuschalten und den Treibstoff per Lkw zu transportieren. Doch die 5.000 eingesetzten Tanklastwagen reichen nicht annähernd, um den Bedarf zu decken. Landesweit bilden sich Schlangen an den Tankstellen, stundenlange Wartezeiten sind zur Regel geworden.

Mexiko: Extremfall eines globalen Problems

Die Lage in Mexiko ist besonders heikel – ein Einzelfall ist sie nicht. Diebstahl gehört weltweit zu den größten Problemen für Pipeline-Betreiber. In einer Studie beziffert Ernst & Young den jährlichen Schaden global auf 133 Milliarden US-Dollar. Da schwerwiegende Unfälle glücklicherweise selten sind, gelangt davon in der Regel wenig an die Öffentlichkeit.

Komplett verhindern lassen sich solche Diebstähle kaum. Betreiber können aber die Folgen minimieren. „Das größte Problem ist nicht der Diebstahl selbst“, erklärt Sergej Arent, Director Applications bei Safety-Spezialist HIMA. „Gefährlich sind in erster Linie die Lecks, die beim Anbohren der Pipelines entstehen.“ Solche dramatischen Unfälle wie nun in Mexiko seien zwar sehr selten – doch Risiken bestehen nicht nur für den Menschen, sondern vor allem für die Umwelt. Und für die Schäden haftet meist der Betreiber.

„Oft wird ein Pipeline-Leck erst nach vielen Stunden oder Tagen geschlossen. Bis dahin sickert Benzin oder Öl ungehindert in den Boden.“
Sergej Arent,
Director Applications, HIMA Paul Hildebrandt GmbH

Leckerkennung allein reicht nicht

Um schnell reagieren zu können, setzen Betreiber deshalb Leckerkennungssysteme ein. Sie registrieren, wenn es in einem Pipeline-Teilstück zu einem Druckabfall kommt. Der kann die Folge eines Lecks sein – aber auch durch zahlreiche andere Ursachen entstehen. In der Praxis werden die Pipeline-Techniker daher häufig mit Fehlalarmen überflutet. Nicht immer wird dann adäquat reagiert. So auch jetzt bei der Tula-Tuxpan-Pipeline: Nach Angaben des mexikanischen Sicherheitsministers wusste Pemex bereits mehrere Stunden vor der Explosion von dem Leck. Es wurde allerdings nicht als wichtig genug eingestuft.

Ähnliche Situationen hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Zahlreiche Länder haben daher in den vergangenen Jahren ihre Gesetze verschärft: Die 2015 verabschiedete California Assembly Bill 864 beispielsweise fordert vor allem in ökologisch sensiblen Gebieten eine Kombination aus Leckortungs- und Sicherheitssystem. Damit lassen sich unter anderem betroffene Pipeline-Abschnitte bei Auftreten einer Gefahrensituation automatisiert abschalten.

Der Diebstahl von Rohstoffen ist eine der größten Herausforderungen für Pipeline-Betreiber.

Natürlich wird Technologie allein nicht ausreichen, um Mexikos Kriminalitätsproblem zu lösen. Dafür ist es zu komplex und zu stark mit den Strukturen des Landes verwoben. Bestechung und Erpressung von Politikern seien hier an der Tagesordnung, berichtet unter anderem die New York Times. Die Bevölkerung sähe in der Benzinmafia gar eine „Robin-Hood-Initiative“, die Geringverdienende mit bezahlbarem Treibstoff versorgt.

In anderen Teilen der Welt ist die Situation gemäßigter. Das heißt auch, dass Pipeline-Betreiber mehr Einfluss darauf haben, wie sie mit Risiken umgehen. Sie können Verantwortung tragen – eben nicht nur, um durch ein höheres Sicherheitsniveau ihre Wirtschaftlichkeit zu sichern, sondern vor allem, um Menschen und Umwelt vor Katastrophen zu schützen.