Zeit für eine Revolution: Warum die Signaltechnik Standards braucht

Eine international einheitliche Basis für die Signal- und Stellwerkstechnik könnte den Bahnverkehr sicherer, besser und vor allem günstiger machen. Deshalb setzt sich die Initiative EULYNX für eine Standardisierung ein. Doch das wissen längst nicht alle Anwender.

Eine gemeinsame Basis ist in der Regel immer etwas Gutes. Bestes Beispiel: Die Leit- und Sicherungstechnik im europaweiten Bahnverkehr. Historisch bedingt nutzen die Länder im EU-Raum verschiedene Lösungen und Systeme unterschiedlicher Hersteller. Das allein wäre noch kein Problem – würde der Bahnverkehr an jeder Grenze enden.

Glücklicherweise ist dem nicht so. Daher besteht ein dringender Handlungsbedarf, einheitliche Standards zu schaffen. Die Initiative EULYNX setzt sich seit rund vier Jahren dafür ein, die Stellwerks- und Signaltechnik europaweit zu vereinheitlichen – und damit sicherer, besser und vor allem günstiger zu machen. Denn ein elementares Problem der unterschiedlichen Lösungen besteht in der Kostenspirale, in der Nutzer weltweit gefangen sind:  Sorgte die proprietäre Hard- und Software verschiedener Hersteller früher für Sicherheit, steht sie heute für Abhängigkeit von einem Lieferanten. Alternativen? Fehlanzeige. Denn wer sich bei der grundsätzlichen Infrastruktur für einen Anbieter entschieden hat, findet kaum eine Möglichkeit, sich zu akzeptablen Kosten mit Technik günstigerer Hersteller auszustatten. Geschweige denn, seine Infrastruktur mit Lösungen anderer Anbieter zu erweitern.

 

Standards sorgen für mehr Wettbewerb

Seit einiger Zeit jedoch ist die Stellwerktechnik im Umbruch ­– ähnlich wie die Telekommunikation vor einigen Jahren: Glasfaser- statt Kupferkabel, intelligente Datenübertragung statt elektrischer Befehle, Digitalisierung statt Signalisierung. Genau das stellt die Betreiber vor Herausforderungen. Denn moderne Signal- und Kommunikationstechnik hat eine kürzere Lebensdauer, als die bisherigen elektrischen oder gar elektro-mechanischen Systeme. Das hat zur Folge, dass Betreiber immer öfter ein Konglomerat aus verschiedener Technik mit unterschiedlichen Schnittstellen unterhalten müssen, was nicht nur die Wartung erschwert, sondern auch die Sicherheit und Zuverlässigkeit negativ beeinflussen kann.

Hier setzt EULYNX an. Das Konsortium besteht derzeit aus zwölf Vertretern Nord- und Zentraleuropas. Das Ziel: Standards für die jeweiligen Mitgliedsstaaten (Deutschland, Niederlande, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Finnland, Norwegen, Schweden, Slowenien, Italien und die Schweiz) zu entwickeln und festzulegen. Gelingt das, wäre mehr als die Hälfte der Bahninfrastruktur Europas in Sachen Stellwerktechnik auf demselben Stand und bereit für die weitere Digitalisierung.

 

Freie Anbieterwahl

Ein erster Schritt auf dem Weg dorthin war zunächst die komplette Sammlung an Spezifikationen. Dann erfolgte die Schnittstellen-Standardisierung mit einer vollständigen „Baseline“, also einem Regelwerk für die verwendete Software. Darin enthalten sind unter anderem Standards für eine Systemarchitektur, die den Einsatz von Technik und Lösungen grenzübergreifend ermöglicht. Damit rücken digitale Stellwerke, vernetzte Signaltechnik und dezentrale Energieversorgung in greifbare Nähe.

Für die Betreiber bedeuten diese Standards: Sie können Zulieferer frei wählen. Commercial-off-the-Shelf(COTS)-Steuerungen bestehen aus Standardkomponenten und sind durch die Serienfertigung erheblich günstiger in Anschaffung und Unterhalt. Zudem sind sie ohne Anpassungen sofort einsatzbereit und lassen sich bei Bedarf individuell erweitern.

Gleichzeitig sorgen die neuen Standards für mehr Sicherheit. Hard- und Software sind kompatibel und einfach zu steuern, bieten hohe Ausfallsicherheit und Signalintegrität.

Wie sinnvoll eine gemeinsame technische Basis für alle Beteiligten ist, zeigen verschiedene Leuchtturmprojekte. So testet die Deutsche Bahn beispielsweise im Stellwerksbereich Annaberg-Buchholz, das von der Erzgebirgsbahn betrieben wird, die digitalen Stellwerke und neue Signalisierungslösungen. Und auch wenn es bis zu einer einheitlichen europäischen Signalinfrastruktur noch ein weiter Weg ist – der erste Schritt ist getan. Ein kleiner für die Menschheit, ein großer für die europäische Bahninfrastruktur.

Wir haben alle Schnittstellen im System standardisiert und das gesamte System auf eine einheitliche Architekturplattform gestellt. Das bedeutet für den Kunden: sichereren Betrieb mit deutlich weniger Störungen.
Klaus Müller,
CTO DB Netz AG